Chronik zur Anti-D-Arzneimittelstraftat 1978/79

1978/79- ca. 6800 junge Rh-negative Frauen und Mütter erhalten von August 1978 bis März 1979 nach einer Entbindung, Fehlgeburt oder Schwangerschaftsunterbrechung, die als Arzneimittelpflichtanwendung vom DDR-Gesundheitsminister gesetzlich vorgeschriebene Anti-D- Immunprophylaxe (Anordnung vom 17. 12. 1970 zur Durchführung der Immunprophylaxe des durch Rh-Inkompatibilität bedingten Morbus haemolyticus neonatorum, Gbl. d. DDR, II Nr. 104/1970, S. 798 und Richtlinie Nr. 1 vom 31. 12. 1970 für die Durchführung der Immunprophylaxe des durch Rh-Inkompatibilität bedingten M. haem. neonat. in den Immunprophylaxezentren, Verf. u. Mitt. des MfGe Nr. 2/3/1971, S. 5). Dieses verabreichte Serum enthält Hepatitisviren.

Oktober 1978- Es treten auf dem gesamten Gebiet der ehemaligen DDR die ersten Fälle einer akuten Hepatitis-Erkrankung bei Müttern auf, welche die Anti-D-Immunprophylaxe mit dem kontaminiertem Serum erhalten haben.
Die Mütter erhalten eine Aufforderung von den Staatlichen Hygieneabteilungen der DDR, sich unverzüglich auf vorgeschriebenen Isolierstationen in ausgewählten Krankenhäusern einzufinden oder sie werden z. T. ohne Vorankündigung von zuhause abgeholt und eingeliefert. Von staatlicher Seite wird die Trennung der Mütter von ihren gerade entbundenen Säuglingen über Monate angeordnet, wobei die Säuglinge zum Teil in andere Krankenhäuser als ihre Mütter eingewiesen werden.
Die Mütter dürfen ihre Familienangehörigen über Monate nur über Sichtkontakt durchs Fenster nach draußen sehen. Der Austausch über den Grund ihres Aufenthaltes in den Quarantänestationen wird den Müttern untereinander untersagt.

November 1979- Vor dem 4. Senat des Bezirksgerichtes Halle findet ein Geheimprozess statt. Zwei Verantwortliche des Bezirksinstitutes für Blutspende und Transfusionswesen Halle (BIBT) werden als schuldig verurteilt. Die Haftstrafe von jeweils zwei Jahren wird in eine Bewährungsstrafe umgewandelt.
Das BIBT hat wissentlich mit Hepatitisviren kontaminiertes Blutplasma für die Anti-D-Arzneimittelproduktion verwendet. Das BIBT Halle weiß spätestens seit April 1978, dass die zur Herstellung des Serums verwendeten Blutplasmen virenkontaminiert sind. Auch das Staatliche Kontrollinstitut für Seren und Impfstoffe in Berlin (SKISI) und der Vorsitzende der Gesellschaft für die gesamte Hygiene der DDR ist davon in Kenntnis gesetzt.
Erst ab März 1979 wird endgültig die Auslieferung der kontaminierten Chargen gestoppt.

Die infizierten, betroffenen Frauen aller Bezirke der DDR werden z.T. aufgefordert, Ärzte der Dispensaire-Betreuung aufzusuchen, diese Pflichtbesuche sind mit regelmäßigen Kontroll- Blutentnahmen und teilweise mit Leber-Blindbiopsien verbunden.
Nach 1990 erfahren die Betroffenen, dass 1979 der Gesundheitsminister der DDR besonderen Wert darauf legte, dass die auserwählten Dispensaire-Ärzte politisch geeignet waren. Im Raum Leipzig werden überdurchschnittlich viele dieser unnötigen und gefährlichen operativen Eingriffe an der Leber für Forschungszwecke in ca. 10 Jahren durchgeführt.